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Certamen 2026

Von Honigsuppe bis zu gefülltem Siebenschläfer – Selbst-zerstörung bei Echo und Narcissus – Das Frauenbild bei Sulpicia und Ovidius – Darf man einen Tyrannen töten?

Zum Certamen Franckianum tricesimum: der Landesschülerwettbewerb des Landes Sachsen-Anhalt für die alten Sprachen in seinem 30. Jahr: Schuljahr 2025/2026

Sie haben richtig gelesen: ein vielfältiges Angebot unterschiedlichster Vorträge ließ auch in diesem Jahr eine große Vorfreude auf die Endrunde im Oberstufenwettbewerb des Certamen Franckianum entstehen.

Doch bevor ich zum Wettbewerb der „Großen“ komme, lassen Sie mich zuerst einen Blick auf die Wettbewerbe der Unterstufe und der Mittelstufe werfen – auch hier haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer große Mühe gegeben und tolle Arbeiten eingereicht.

 

CERTAMEN PUERILE 

In diesem Wettbewerb nahmen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 bis 8 teil;
sie sollten sich mit einer Fabel des Phädrus vertraut machen, in der eine gastfreundliche Hündin ihre Hütte an eine schwangere Hündin verliert, und diese Fabel dann in der Form einer Moritat oder eines Bänkelsangs präsentieren. Die Schülerinnen und Schüler haben so vielfältig und oft mit so ähnlich guter Qualität gearbeitet, dass zwei erste Plätze und auch zwei Sonderpreise vergeben wurden.

Die Preisträger waren:

Erster Platz: [Name aus Datenschutzgründen nicht genannt] und Emma Lilia Bégin
Landesgymnasium Latina „August Hermann Francke“ in Halle

Erster Platz: Omar Abuazab, Arthur Burse, Matteo Friedemann, Leo Immig, Tobechi Okoro, Marlo Popko
Gymnasium “Georg Cantor” in Halle

Dritter Platz: Leni Kleint, Laurenz Scheffler und Lea Simon
Gymnasium „Georg Cantor“ in Halle

Sonderpreis: Ella Latte, Magdalena Ladewig und Luise Perner
Norbertus-Gymnasium in Magdeburg

Sonderpreis: Lena Hoffmann und Lena Staab
Norbertus-Gymnasium in Magdeburg

CERTAMEN IUVENILE

In diesem Wettbewerb nahmen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 9 bis 10 teil; sie sollten sich mit einer Fabel des Phädrus vertraut machen, in der sich ein Hund, wohlgenährt, aber angekettet, und ein Wolf, mager, aber frei, über die Vor- und Nachteile ihres Daseins unterhalten; dann sollten sie diese Fabel in der Form einer Moritat oder eines Bänkelsangs präsentieren.

Die Preisträger waren:

Erster Platz: Neele Hennig und Lucy Wünsche
Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium in Schönebeck

Zweiter Platz: Theresa Steiner und Collien Cherina Wolf
Gymnasium Carolinum in Bernburg

Dritter Platz: Nils Kreßmann, Karoline Nolte, Kelechi Okoro und Augusta Trägenap
Gymnasium „Georg Cantor“, Halle

 

CERTAMEN GRAECUM ET LATINUM für die Schüler der Schuljahrgänge 11 und 12

Nachdem in der ersten Runde (Übersetzung eines Textes aus dem Lateinischen oder Griechischen) 171 Klausuren von 14 verschiedenen Schulen korrigiert worden waren, erreichten 101 Schülerinnen und Schüler die zweite Runde (wobei hier noch alle 14 Schulen im Rennen waren) – hier mussten sie eine Interpretations-Arbeit nach einem von sechs vorgegebenen Themen abliefern; diese Hausarbeit reichten dann 23 Schülerinnen und Schüler ein, die von 9 verschiedenen Schulen stammten. Die besten sieben aus dieser zweiten Runde, die aus fünf verschiedenen Schulen kamen, erreichten die Endrunde, welche immer aus drei Teilprüfungen besteht: zunächst aus einem Vortrag zu einem selbstgewählten Thema aus der Antike, an den sich ein Kolloquium anschließt, danach zwei Einzelgespräche, in welchen die Jury die Persönlichkeit der Teilnehmer kennen lernen will.

Der erste Platz ging an die Schülerin Janneke Korn (Privat-Gymnasium in Stendal): sie beschäftigte sich mit dem Frauenbild in der römischen Liebeselegie, insbesondere damit, wie unterschiedlich eine weibliche Autorin (Sulpicia) und ein männlicher Autor (Ovid) die Rolle der Frau und die Machtverhältnisse von Mann und Frau in der Antike sahen. Sie machte auch klar, wie die heutige Zeit – im Vergleich zur Antike als Folie – diese Rollen heute sehen.

Als Preis erhält sie die Aufnahme als Stipendiatin in die Förderung der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Ein zweiter erster Platz ging an Franziska Berner (Gymnasium „Georg Cantor“ in Halle): sie nahm sich den Mythos von Echo und Narcissus zum Thema, analysierte die Handlung, die Motive der beiden Hauptpersonen und die sprachliche Gestaltung durch den Dichter Ovid und interpretierte diesen Mythos unter dem Aspekt der Selbstdarstellung der beiden Personen und dem der Selbstzerstörung – mit klarem Blick auf Parallelen in der heutigen Zeit.

Auch sie erhält als Preis die Aufnahme als Stipendiatin in die Förderung der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Sowohl Janneke Korn als auch Franziska Berner haben die Jury nicht nur durch ihre Kenntnisse der antiken Inhalte und durch die gelungene Aktualisierung beeindruckt, sondern haben sich auch nach den Vorstellungen und Vorgaben der Studienstiftung des deutschen Volkes als Personen vorgestellt, die mit hoher intellektueller Leistung, mit überdurchschnittlichem Engagement und großer sozialer Kompetenz ihren Weg im Leben gehen.

Der zweite Platz ging an die Schülerin Frieda-Lotte Oesemann (Privat-Gymnasium Stendal): sie verglich unter dem Leitthema „Panem et Circenses“ (Brot und Spiele) die Kämpfe der Gladiatoren im Kolosseum mit vergleichbaren Veranstaltungen in der heutigen Zeit, die in den Social Media eine wichtige Rolle für die Menschen spielen – alles unter dem Aspekt der Konsequenzen, wenn Demütigung zur Unterhaltung wird.

Sie gewinnt die finanzielle Unterstützung für eine Studienfahrt nach Italien oder in eines der Länder, die einst zum Imperium Romanum gehörten. Gestiftet wird dieser Preis von der Elisabeth-Lebek-Stiftung für Lebendiges Latein.

Der dritte Platz ging an die Schülerin Clara Taday (Landesgymnasium Latina „August Hermann Francke): sie untersuchte die Frage, die man schon als eine der ewigen wichtigen Fragen der Menschheit bezeichnen kann: Bellum iustum – kann Krieg gerecht sein? Sie zeigte durch eine inhaltliche und sprachliche Analyse der entsprechenden Textstellen bei Caesar, Cicero und Erasmus von Rotterdam, immer auch mit Blick auf die Vorstellungen und Überzeugungen der heutigen Machthaber und Politiker, wie schwierig hier eine zufriedenstellende Antwort ist.

Sie gewinnt die finanzielle Unterstützung für eine Studienfahrt nach Griechenland. Dieser Preis wird gestiftet vom Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen.

Die folgenden Teilnehmer erreichten die übrigen Plätze in der Endrunde; sie gewinnen wertvolle Bücher zu zentralen und bis in die heutige Zeit reichenden Themen der Antike – und in diesem Jahr erstmals einen Geldpreis, der vom Deutschen Altphilologenverband, Landesverband Sachsen-Anhalt gespendet wird. In alphabetischer Reihenfolge seien sie hier genannt:

Christian Knotek (Landesgymnasium Latina „August Hermann Francke in Halle): er beschäftigte sich mit der Frage, die schon in der griechischen und römischen Antike lebhaft diskutiert wurde, ob man nämlich einen Tyrannen töten dürfe, wenn es keinen anderen Weg gibt. Besondere Aktualität gab er dieser Frage, indem er die Darstellung des Brutus im Drama „Julius Caesar“ des Shakespeare in Beziehung setzte zur Tat des John Wilkes Booth, der den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln erschoss.

Georg Spinka (Gymnasium „Georg Cantor“ in Halle): er nahm sich die Werke des Astronomen Johannes Kepler zum Thema und verglich hier die Darstellung Keplers mit der Art, wie heutige Wissenschaftler ihre Thesen und Forschungsergebnisse präsentieren. Er zeigte anschaulich, wie sich die stilistischen Elemente, die narratologischen Mittel und gesamte Art der Vermittlung in den Zeiten geändert haben, um den Leser der jeweiligen Zeit zu überzeugen.

Anna Tietze (Gymnasium Leucorea in der Lutherstadt Wittenberg): sie präsentierte zunächst mit anschaulichen Beispielen, welche typischen und teilweise skurrilen Essgewohnheiten bei der Oberschicht des antiken Roms zu sehen sind, und diskutierte danach die Frage, ob diese römischen Essgewohnheiten wohl die Chance haben, in der heutigen Zeit ein Comeback zu feiern oder gar ein nachhaltiger Ernährungstrend zu werden.

Am Ende möchten wir uns bei unseren Sponsoren – dem Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen, der Elisabeth-Lebek-Stiftung für Lebendiges Latein und dem Altphilologenverband des Landes Sachsen-Anhalt – ganz herzlich bedanken: ohne ihre großzügigen Geldgaben wäre dieser Wettbewerb nicht möglich.

Bedanken möchten wir uns auch bei allen Kolleginnen und Kollegen im Land Sachsen-Anhalt, die ihre Schülerinnen und Schüler bei der Teilnahme am Wettbewerb mit hohem Engagement unterstützt haben und damit ebenfalls zu einem guten Gelingen des Certamen Franckianum beigetragen haben.

Einen herzlichen Glückwunsch möchte ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und deren Lehrerinnen und Lehrern aussprechen und für uns alle sagen: wir freuen uns auf ein Certamen tricesimum primum im nächsten Jahr – mögen die Götter es uns gewähren, dass unser Wettbewerb auch weiterhin viele Schülerinnen und Schüler zu außergewöhnlichen Leistungen motiviert, die uns allen Freude bereiten.

Stephan Mies
Halle, den 24. Juni 2026